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Fotoportrait Johann Simon Hermstedts
unbezeichnet, Sondershausen 1846
Schlossmuseum Arnstadt
Wie sah die Klarinette Hermstedts aus,
auf der er Spohrs erstes Klarinettenkonzert uraufführte?
Video von Nathalie Braß und Fabian Everding
Leipzig 2021

Hermstedt, der Virtuose

Simon Hermstedt (1778-1846) pflegte eine lebenslange Freundschaft mit seinem Kollegen, dem Komponisten und Geigenvirtuosen Louis Spohr. Jahrzehnte des musikalischen Austauschs brachten vielgelobte Werke für die Klarinette als Soloinstrument hervor. Als er Spohr begegnete und ein Werk eigens für Klarinette erbat, hatte Hermstedt sich als Virtuose des Sondershäuser Hautboistencorps bereits Verdienste erworben. Spohrs erstes Klarinettenkonzert in c-Moll war jedoch mit reichlich Tücken gespickt, die für das unausgereifte Instrument unspielbar erscheinen mussten. So bemühte sich Hermstedt um eine Erweiterung der Spielbarkeit zugunsten des Werks, parallel zu vergleichbaren Weiterentwicklungen des Klappensystems andernorts.

Am 16. Juni 1809 trat Hermstedt mit Spohr erstmals in Leipzig auf - dieser folgte ihm im gleichen Jahr für ein gemeinsames Konzert nach Sondershausen. In den folgenden Jahren widmete Spohr seinem Freund und Kollegen weitere Werke für Klarinette solo. Die Besucher des ersten deutschen Musikfestes zu Frankenhausen erlebten nicht nur ein hundertköpfiges Orchester unter der Leitung Spohrs, sondern bekamen sein zweites Klarinettenkonzert in Es-Dur zu Gehör. Anlässlich des zweiten Frankenhäuser Musikfestes 1811 trat Hermstedt erneut mit der Bitte an Spohr heran, ihm ein neues Bravourstück zu setzen. Es entstanden Variationen für Klarinette mit Orchesterbegleitung (op. 81). Anlässlich des zweiten Napoleonfestes 1812 in Erfurt erklang ein Potpourri für Klarinette und Orchester. Hermstedt, dessen ausgiebige Konzertreisen als Virtuose ihn unter anderem bis nach Wien brachten, machten nicht nur dem Interpreten einen Namen, sondern mehrten auch Spohrs Ansehen zusehends.

Die Freundschaft der beiden Musiker, so harmonisch und fruchtbar sie sich auch darstellt, verlief nicht ohne Reibungspunkte. Nach einem Konzert zum dritten Frankenhäuser Musikfest – es erklangen Spohrs Variationen – bemerkte dieser, Hermstedts Spiel habe 'etwas Maniriertes gehabt, was an Karikatur streife'. Doch einschneidend wogen derlei Missklänge nicht. Anlässlich Hermstedts Interpretation des f-Moll-Konzertes zum dritten Musikfest des Elbvereines in Magdeburg (1825) rief Spohr aus: 'Ja, es ist der alte Hermstedt noch, er kann noch blasen! Mache es ihm einmal ein anderer nach!'

Obschon ihn seine Kräfte mit den Jahren verließen, ließ Hermstedt sich 1840, 62-jährig, zu einem Auftritt im Rahmen eines Abonnement-Konzerts in Berlin überreden und gab Spohrs f-Moll-Konzert. In all den Jahren hat diese Freundschaft, Kritik an Hermstedts Spohr-lastigem Kanon zum Trotz, nicht nur dem damaligen Publikum ungewohnte Hörgenüsse beschert, sondern auch der Nachwelt großartige Werke für Klarinette.









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