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Schellenbaum
Unbezeichnet, 1. Viertel 19. Jahrhunderts
Das Schlagwerk der 'Türkischen Musik' faszinierte die Menschen im frühen 19. Jahrhundert unwiderstehlich, denn das regelmäßige Erlebnis instrumentaler Musik in der Öffentlichkeit war damals ganz neu.
 
Der Rheinbund im Jahr 1812
Unbezeichnete Karte, 2007
Wikimedia Commons
Nach französischem Vorbild stellten die Rheinbund-Staaten um 1806 ihre Armeen neu auf und statteten sie mit Militärmusiken aus. Das Bündnis Napoleons war primär gegen Preußen und Österreich gerichtet. Das Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen trat dem Rheinbund am 18. April 1807 bei.
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Der Blaue Saal im Sondershäuser Schloss
Unbezeichnete Fotografie, 2005
Wikimedia Commons
Der Festsaal verfügte über eine Musikempore, von der die Harmoniemusik die fürstliche Gesellschaft beschallen konnte. Sein Wandschmuck zeigt u.a. Ensembles aus Musikinstrumenten, hier eine Geige und zwei Klarinetten, die der fürstlichen Repräsentation dienten.
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Das Schallhaus im Schlosspark von Rudolstadt
Unbezeichnete Fotografie, 2014
Wikimedia Commons
Bis die beiden Fürstentümer Schwarzburg-Rudolstadt und Schwarzburg-Sondershausen 1920 im Freistaat Thüringen aufgingen, unterhielten sie auf internationaler Bühne agierende Residenzen – mit der notwendigen Ausstattung einer staatlichen Repräsentation: Dieser Pavillon diente den Bläsern der Harmoniemusik an der Residenz Rudolstadt als Resonanzraum und Wetterschutz bei ihren Einsätzen im Freien.

Der Rheinbund

Die Französische Revolution stellte das bis zur frühen Neuzeit geltende Herrschaftsverständnis der Fürsten, die Gottesgnade, grundsätzlich infrage. Folglich bedienten die Monarchen sich anderer Legitimationen ihrer Macht, u.a. des Militärs.

Das sicht- und hörbare Aushängeschild jeder Garnison war von der Napoleonischen Ära um 1800 bis zum Ersten Weltkrieg die Militärmusik. An jeder Residenz wurde zunächst eine Harmoniemusik, in jeder Stadt bald ein Infanterie-Musikkorps aufgestellt. Deren Aufgabe bestand darin, die Sympathie der Gesellschaft zu gewinnen, in der sich die Untertanen zu Bürgern emanzipierten.
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Die Harmoniemusiken erlebten in den kurzen Jahren des Rheinbundes eine Mode, die speziell in den Residenzstädten begeistert aufgenommen wurde. Sie boten einen regelmäßigen, kostengünstigen und unterhaltsamen Zugang zum Musikkonsum: Im Freien, wo man mit Kind und Kegel teilnehmen konnte, denn es gab ja außerhalb der Residenzen noch kaum Säle. Mit weltlichem Repertoire, das ehedem neben der geistlichen Musik noch kaum eine Rolle im bürgerlichen Leben gespielt hatte. Und in kleinen Formaten, die leicht zu konsumieren waren, nicht in abendfüllenden Opern.

Die Bearbeitung von Ouvertüren und eingängigen Nummern aus höfischen Opern stellte einen bedeutenden Teil des Repertoires der Harmoniemusiken dar. Kapellmeister wie Johann Simon Hermstedt stellten allwöchentlich Arrangements für ihre Bläser her, meist in Besetzungsstärken zwischen vier und zehn Stimmen. Daneben spielten sie modische Tanzmusik, die in jeder Saison neue Formen hervorbrachte, und so den bürgerlichen Paartanz schlagartig etablierte.

Doch die Harmoniemusiken faszinierten ihr Publikum mit allen Sinnen: Speziell die Türkischen Musiken galten mit ihrem effektvollen Schlagwerk aus Schellenbaum, Becken ('Piatti', 'Chinellen'), Triangel, Pfeifen und Trommeln auch visuell als unwiderstehlich.

Damit trat die erst höfische und dann staatliche Militärmusik im 19. Jahrhundert als bedeutendste Einrichtung des Musiklebens neben die erst höfische, dann bürgerliche Oper. Der Militärmusik des 19. Jahrhunderts gelang vielerorts eine eindrucksvolle Wirkung: Aus den popluären Infanterie-Musikkorps gingen vielerorts das bürgerliche Konzertwesen, die Blasmusik, die Musikvereine oder die ersten Instrumentalschulen hervor.

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