International Conference Lost and Found. Von den Klarinetten des Fürsten

Forschungsstelle DIGITAL ORGANOLOGY
am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig
 
Freitag, 11. Juni 2021
10.00 Josef Focht: Welcome address
 
10.15 Heike Fricke
Forschungsstelle DIGITAL ORGANOLOGY
Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig
10.45 Lorenz Adamer
University of Tübingen
11.30 David Gasche
Kunstuniversität Graz, Austria, Pannonische Forschungsstelle / International Center for Wind Music Research
12.30 Stefan Harg
Clarinetist
Stockholm, Sweden
14.30 Emanuele Marconi
Le Musée des instruments à vent, La Couture-Boussey, France
15.00 Jenny Maclay
Brabdon University, Canada
15.45 Thomas Emmanuel Carroll
Boston, Massachusetts, USA
16.15 Albert R. Rice
Claremont, California

Lost and Found. Von den Klarinetten des Fürsten

Abstract
Louis Spohr komponierte zwischen 1808 und 1828 vier Konzerte für die Klarinette, die alle dem Sondershausener Klarinettisten Simon Hermstedt zugedacht waren. Dem ersten Konzert, das – wie Spohr schreibt – "dem Klarinettisten auf den ersten Blick unausführbar schien", stellte er eine Beschreibung jener "Verbesserungen" voran, welche Hermstedt an seinem Instrument vorgenommen habe. Über die Klarinetten von Hermstedt ist nichts bekannt, doch hatte sich im Nachlass seines Schülers, des Fürsten Günther Friedrich Carls I., ein Instrument erhalten, das sich im Sondershausener Schlossmuseum befand. Diese Klarinette ging aber im Zweiten Weltkrieg verloren, so dass nur eine Fotografie und ein beschreibender Text bekannt waren. Bis kürzlich beide Klarinetten – beides übrigens Klarinetten mit Müller-System und keine Instrumente in der von Spohr beschriebenen früheren Bauweise – wieder ans Tageslicht kamen.
 
Kurzbiographie
Dr. Heike Fricke arbeitet und lehrt an der Forschungsstelle digitale ORGANOLOGIE am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig, wo sie die Forschungsprojekte TASTEN und DISKOS leitet. Sie studierte Musikwissenschaft und Publizistik an der Freien Universität Berlin und promovierte in Musikwissenschaft mit einer Arbeit zur Klarinette im 18. Jahrhundert. Sie arbeitete an den Musikinstrumentenmuseen in Berlin und Edinburgh und erhielt ein Andrew. W. Mellon-Stipendium für Kunstgeschichte am Metropolitan Museum of Art in New York. Heike Fricke veröffentlichte Artikel in MGG, New Grove, Lexikon der Holzblasinstrumente und schrieb mehrere Bücher. Sie ist Herausgeberin der deutschen Fachzeitschrift rohrblatt und des CIMCIM-Bulletins. 

Johann Simon Hermstedt im Pressespiegel seiner Zeit „ [...] sein ganzes inneres Leben in sein Clarinet“

Abstract

Der Klarinettist Johann Simon Hermstedt wurde sowohl vom zeitgenössischen Publikum als auch von der Presse sehr passioniert wahrgenommen: Aufgrund seiner Konzerte, die sich häufig auf die Interpretation des „Meisters Spohr“ fokussierten, galt er als der „erste Clarinettist Deutschlands“ (Zeitung für elegante Welt, 12. Okt. 1821), der vor allem durch seine „Energie, mit welcher er sein ganzes inneres Leben in sein Clarinet trägt“ (Zeitung für die elegante Welt, 11. Januar 1823), seine Hörerschaft entzückte. Durch „das tiefe Gefühl, welcher er in die sanften Stellen legte“ (Berliner allgemeine musikalische Zeitung, 8. Aug. 1829) erzeugte er eine „ungetheilte Bewunderung“ und sein „seelenvoller Kunstgesang [...] mit Spohrs Compositionen, die er vorzugsweise liebt“ (Allgemeine musikalische Zeitung, 26. Dez. 1832) wurde in der Presse sehr positiv rezipiert. Dennoch gab es auch etwas mehrdeutige Kommentare, die Hermstedts Fertigkeiten auf der Klarinette kritischer beurteilen: Trotz seiner „delikaten Behandlung seines Instruments“ wurde beispielsweise festgehalten, dass sich „seine Bravour etwas vermindert hatte“ (Berliner allgemeine musikalische Zeitung, 8.8.1829). Aufbauend auf den publizistischen Beiträgen soll aufgezeigt werden, welches Bild über den Klarinettisten Hermstedt in unterschiedlichen zeitgenössischen Medien präsent war. Dabei möchte ich in einem ersten Schritt auf die Charakteristika und Eigenschaften von Hermstedt eingehen, die ihm von den unterschiedlichen Medien seiner Zeit attestiert wurden und aufzeigen, welche Beurteilungstendenzen und Entwicklungen dadurch ersichtlich werden. In einem zweiten Schritt soll anhand eines Querschnitts dieser publizistischen Topographie der Frage nachgegangen werden, ob Hermstedt in den vorliegenden Quellen auch vermehrt mit Louis Spohr in Verbindung gebracht wurde und wie sich das Verhältnis in diesen Schilderungen äußert. Durch die publizistische zeitgenössische Wahrnehmung ergibt sich folglich ein breitgefächertes Bild über den Klarinettisten Johann Simon Hermstedt und seine Beziehungen zu Louis Spohr.

Kurzbiographie

Lorenz Adamer studierte Musikwissenschaft (M.A. 2016) an den Universitäten Wien und Pavia/Cremona und Philosophie (M.A. 2020) an den Universitäten Wien und Tübingen. Derzeit ist er Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen und promoviert dort im Sonderforschungsbereich „Die andere Ästhetik“. Zusätzlich ist er als freier Journalist tätig und konnte berufliche Erfahrungen in unterschiedlichen Kulturinstitutionen sammeln. Als Klarinettist leistete er seinen Präsenzdienst bei der Gardemusik Wien und musizierte u.a. mit dem San Diego Youth Symphony Orchestra und unterschiedlichen Ensembles auf der EXPO Shanghai 2010. 

Johann Simon Hermstedt (1778-1846) and the Tradition of Harmony Music

Abstract
Quartett von W.A. Mozart arangirt für Harmonie von J.S. Hermstedt“. Dieser Originaltitel auf einer Partitur von Johann Simon Hermstedt, die im Staatsarchiv Rudolstadt (D-RUl) aufbewahrt wird, beschreibt nicht nur die verbreitete Praxis, berühmte Werke für verschiedene Besetzungen zu bearbeiten, sondern auch die Funktion des Klarinettenvirtuosen als Leiter der Harmoniemusik des Fürsten Günther Friedrich Karl I. in Schwarzburg-Sondershausen. 
Der Vortrag soll zunächst die aktuelle Forschung über Harmonie, türkische Musik und Militärmusik am Anfang des 19. Jahrhunderts beleuchten. Weitere Aspekte über das noch kaum erforschte Repertoire von Hermstedt werden erörtert. Von besonderem Interesse ist ein Manuskript aus der Nationalbibliothek in Paris, das eine Bearbeitung des ersten Satzes von Mozarts Quartett KV 575 und dazu eine dreiseitige Bibliographie, die vermutlich auch von der Hand des Autors stammt, enthält. Die Analyse des Dokuments soll nicht nur die Bearbeitungspraxis für Harmoniemusik verdeutlichen, sondern auch wertvolle Informationen über Hermstedts Leben und Musik liefern.
 
Kurzbiographie
David Gasche, Musikwissenschaftler und Klarinettist, wurde 1981 in Le Mans (Frankreich) geboren. Er begann seine musikalischen Studien in Bayonne und setzte sie am Konservatorium und an der Universität der Stadt Tours fort. Er kam 2004 nach Wien, um seine Doktorarbeit in Musikwissenschaft (Universität Wien, 2009) und sein künstlerisches Diplom-Hauptfach Klarinette (Prayner Konservatorium, 2011) abzuschließen. Mehrere Artikel und Beiträge bei internationalen Kongressen stellen seine Forschungsschwerpunkte dar, die auf der Wiener Harmoniemusik des 18. und 19. Jahrhunderts und auf der sinfonischen Blasmusik liegen. Der „Fritz-Thelen-Preis 2012“ von der Internationalen Gesellschaft zur Erforschung und Förderung der Blasmusik (IGEB) würdigte seine diesbezügliche Forschung. Musikalische Tätigkeiten als Kammermusiker oder als Mitglied des sinfonischen Blasorchester PBO nehmen auch einen hohen Anteil ein. David Gasche ist Senior Scientist an der Kunstuniversität Graz, Leiter des internationalen Zentrums für Blasmusikforschung, Generalsekretär der IGEB und arbeitet als Kunstvermittler für die Sammlung alter Musikinstrumente in Wien. 
 
Dr. David Gasche: david.gasche@kug.ac.at

The Clarinetist Bernhard Henric Crusell

Clarinet making in the early 19th century in La Couture-Boussey. An overview of technical, economical and sociological aspects

Abstract
Situated in northern France, to the west of Paris (in Normandy), this village, is known as the historic home of woodwinds. The musical instruments manufacturing industry began to develop there in the 17th century and large families of instrument makers and musicians like the Hotteterres, the Lots, the Martins, the Buffets, the Godfroys, the Thibouvilles, and the Leblancs all contributed to the location's reputation.
The gradual replacement of oboes with clarinets in French Military Bands, starting around 1750, was a relevant factor in the development of clarinet production in France. If the first clarinet makers known in Paris are of German origin, around 1770 makers as Prudent Thierriot, Dominique Portahux or Martin and Gilles Lot were already well established.
Between the end of the 18th century and the beginning of the 19th, the clarinet production in La Couture-Boussey can rely on the presence of many families, all interconnected through marriages and working relations, also producing flutes, flageolets, oboes and, less frequently, bassoons. It was probably the Auger family who made the first clarinets around 1760, soon followed by the Thibouvilles, Noblets, Buffets and many more.
Many makers in the 1820’s established boutiques in the capital and marked their instruments “Paris”, a wise commercial strategy, while keeping the workshops in the village. A large number of Parisian branded instruments were in fact manufactured in La Couture, and it is also possible that several village makers worked as subcontractors and/or that instruments were sold without being marked.
The increasing number of makers participating to the Exhibition of Products of French Industry (1798 - 1849) and to the National and World fairs (from 1844 on) and the patents deposited, are also an indication of the richness of the production.
The paper will examine the clarinet making in the early 19th century in La Couture-Boussey, providing an overview of technical, economical and sociological aspects, and will highlight a few collaborations virtuoso-makers during the second half of the century.
 
Kurzbiographie
Organologist, conservator and curator, he is Director of Le Musée des instruments à vent of La Couture-Boussey, as well as webmaster and advisory board member for the Cimcim. 
After the diploma as a restorer, he has earned a MA in Conservation-Restoration of Cultural Property from the Sorbonne University. He has worked in Italy (Milan Museum of Musical Instruments; the Correr Museum, Venice), Switzerland (Musée d’art et d’histoire, Geneva), France (Musée de la musique-Philharmonie de Paris) and USA (National Music Museum, Vermillion and University of South Dakota). Research interests include the History and Philosophy of Restoration, through the study of the written and sources, and investigating all aspects related to the understanding of the relationship between society, culture, technical evolution, and aesthetic perception, and analyzing myths and symbolism related to musical instruments.
 
Emanuele Marconi: emarconi@epn-agglo.fr

Spohr's Clarinet Concerti: Paving the Way to New Heights

Abstract
By the time Spohr began composing for clarinetist Johann Simon Hermstedt, the clarinet had been in existence for just over a century. Spohr’s clarinet compositions took the clarinet to new heights, both literally and figuratively. These four concerti are some of the first clarinet compositions which include a double C. Spohr’s use of the extreme altissimo was revolutionary at his time, and Hermstedt’s ability to perform in this range on a clarinet with limited keywork speaks to his abilities as one of clarinet history’s greatest virtuosi. Spohrs use of the clarinet’s extended range is coupled with demanding technical passages and extended phrases, making these works still quite challenging today. As a result, greater expectations were placed upon all subsequent composers and clarinetists.

In my presentation, I will discuss how Spohr’s four clarinet concerti led to the rise of the virtuoso clarinetist and how this trajectory has influenced clarinet repertoire throughout the instrument’s history. Additionally, I will also examine the role Spohr’s clarinet concerti played in the creation and usage of extended techniques such as circular breathing and extreme altissimo ranges. From these conclusions, I will also examine how the demands of the composers and rise of the virtuoso contributed towards the advancement of the clarinet’s mechanics and influenced instrument manufacturers.

Kurzbiographie:
Vandoren Artist-Clinician Dr.Jenny Maclay enjoys a diverse career as a clarinet soloist, recitalist, orchestral player, chamber musician, pedagogue, and blogger. Currently, she is the Visiting Instructor of Clarinet at Brandon University (Canada) and was Visiting Lecturer of Clarinet at Iowa State University in 2020. Upcoming conference presentations include the Maastricht Centre for the Innovation of Classical Music, where she will discuss how musicians can use social currency and personal branding to impact the future of classical music. In addition to teaching and performing, Jenny is also interested in travelling and researching clarinet cultures around the world. To date, she has visited and performed in over 30 countries, and she enjoys meeting other clarinetists during her travels. Jenny completed her formative studied in the United States, France, and Canada. 

Jenny Maclay: Jenny_Maclay@hotmail.com

Historical Instruments and Replica Models: Recapturing the 18th and 19th Century Sounds of the Clarinet

Abstract:
The “historically-informed” approach to music has led players of “historical” clarinets to rediscover the sounds of earlier instruments and practices to present the music of the past in a period-appropriate style. However, few modern makers of historical clarinets remain truly faithful to the originals, producing instruments outwardly resembling 18th century models but featuring internal dimensions closer to modern clarinets making the transition between modern instruments and replicas more seamless. Basic aspects of modernization and updated instrument building techniques, particularly with regards to the treatment of wood and staining, raise the question of whether these instruments can truly re-create the 18th century sound sought by performers and whether or not the practical considerations of seeking to play three centuries of music justify the “updating” of manufacturing techniques to suit the needs of the modern period performer.

This presentation investigates the philosophical aspects of historical versus historic musical instruments and the inherent differences between copies of instruments and their original models. Questions of how to accurately measure such instruments will be addressed, as will aspects of standardization such as pitch levels, bore dimensions, and the result of such changes on acoustics and character of sound. 18th and 19th century woodworking and luthierie treatises will be compared to modern building practices. Lastly, case studies of specific replicas will be presented, using clarinets of the author’s own construction, combining practical research and historical building practices in an effort to continue the musical traditions of the 18th century makers. 

Kurzbiographie
Period clarinetist and instrument builder Thomas Carroll performs extensively throughout North America and Europe on historical instruments.  He holds degrees from Oberlin Conservatory, Indiana University, and The Royal Conservatoire of The Hague. In addition to orchestra and solo appearances, Thomas is also a frequent recitalist and has given faculty chamber recitals, guest lectures and masterclasses at universities throughout the United States as well as museum lectures at the Boston Museum of Fine Arts and at the International Clarinet Association, most recently recreating an 1895 recital program of Richard Mühlfeld. 

An interest in instrument mechanics and acoustics has led Thomas to a secondary career as an instrument builder and extensive research into 18th and 19th century wood treatment and seasoning.  He builds chalumeaux, baroque, and classical clarinets, and basset instruments for use in historically-informed performance ensembles.  His instruments and mouthpieces are played throughout North America, Europe, Japan, and Australia.

Thomas Carroll: tcarroll303@gmail.com

Two Important Clarinet Innovators: Jacques Simiot and Johann Streitwolf

 
Abstract:
The contemporary makers Streitwolf and Simiot worked at about the about the same time, Streitwolf in Göttingen from 1809 to 1837; Simiot in Dôle from the early 1790s and Lyon from about 1800 to 1829. This presentation will compare and contrast some of their innovative and high quality clarinets, bass clarinets, and alto clarinets.
Simiot was active in Lyon from at least 1800 and perhaps two years before this. As a maker or “facteur d’instruments” he made clarinets and flageolets in Dôle during the 1790s, although his instruments from this period do not survive. In 1803 in Lyon, Simiot completed an inventory of the instruments owned by the deceased music dealer, François Petitjean, and was making quality instruments based on their high prices. In 1808, Simiot published a two-page flyer and fingering chart as Tableau explicatif des innovations et changements faits à la clarinette (Explanatory table of innovations and changes made to the clarinet) advertising an innovative 7-key clarinet with a concealed speaker-key mechanism consisting of a ring covered with brass, silver, or ivory that operates a speaker key above a tone hole located at the front of the clarinet. Simiot also made innovative bassoons and alto clarinets for use in wind bands.
Streitwolf was active in Göttingen from 1809 to 1837 as an instrument maker. At first he specialized in flutes and clarinets and later made finely crafted instruments including basset horns and bass clarinets. His innovations include: a chromatic basshorn in 1820; a bassoon-shaped bass clarinet in 1828; a contrabass clarinet in 1829; improved English horns during the 1830s; and an improved clarinet in 1832 for the great soloist from Sondershausen, Simon Hermstedt. Streitwolf’s clarinet innovations include a metal mouthpiece; a screw adjustable barrel; and an oval shaped-resonance hole in the bell.
© 2022 Forschungsstelle DIGITAL ORGANOLOGY am Musikinstrumentenmuseum der Universität Leipzig