Der Klarinettist und Instrumentenbauer Jochen Seggelke über frühe Klarinetten
Video von Kay Wilk und Fabian Everding
Bamberg 2021
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Eine um 1780 gebaute fünfteilige A-Klarinette von Amlingue (1475) hat sich ohne Mundstück in der Sammlung des MIMUL erhalten. Auffällig an dem Instrument (1475) ist die Verwendung verschiedener Klappenmontagen: Die kurzen Klappen werden von Blattfedern verschlossen, die im Holz befestigt sind, an den langen Klappen sind die Blattfedern angenietet.

Klarinetten um 1800

Das Standardmodell um 1800 ist die Klarinette mit fünf Klappen. Im Unterschied zu den zuvor beschriebenen frühen Klarinetten fällt hier die neue Bauform des Unterstücks auf. Die Langstielklappen für e0/h1 und auch die neue Klappe für gis0/es2 sind mit Messingstiften in einem bauchigen Wulst gelagert. Gleichzeitig ermöglicht diese Verdickung des Holzes eine Neukonzeption des Grifflochs für f0/c2, das unterste Griffloch auf der Klarinette. Durch seine etwas erhabenere Position im Holzwulst ist es nun für den kleinen Finger der rechten Hand leichter zu erreichen. Die dickere Wandung ermöglicht außerdem eine Schrägbohrung des Tonlochkanals für f0/c2, so dass dieser unterhalb des von außen sichtbaren f-Lochs in die Innenbohrung mündet und etwas günstiger für die Reichweite dieses Fingers an einer akustisch geeigneteren Stelle angebracht werden kann.

Die neu hinzugetretene, im Ruhezustand verschlossene Klappe für gis0/es2 verschließt ein Tonloch, welches unterhalb des Grifflochs für f0/c2 angebracht ist, obwohl es natürlich eigentlich oberhalb dieses Grifflochs sitzen müsste. Um den Ton g0/d2 um einen Halbton zu erhöhen, muss das Tonloch für gis0/es2 ausgesprochen groß sein. Ein Nebeneffekt dieser Anlage ist, dass dieser neu hinzugekommene Ton besonders im tiefen Register sehr laut ist und aus der ausgeglichenen Skala hervorsticht. Da für die Produktion des Tones g ein Großteil der Luft durch den schmalen Kanal des Grifflochs für f fließt und der Griff für g bei dieser Anlage eigentlich ein Gabelgriff ist, klingt der Ton g sehr dumpf und leise. Dies ist ein allgemeines Phänomen auf der vier- bzw. fünfklappigen Klarinette und tritt auf den verschiedenen Instrumenten stärker oder schwächer hervor.

Die Struktur der Klarinette wandelte sich im Hinblick auf die Gliederung ihrer Bauteile. Aus den dreiteiligen Barockinstrumenten entwickeln sich nun fünf- bis sechsteilige Klarinetten mit fünf Klappen. Zunächst fällt auf, dass Mundstück und Birne nun in zwei Teilen gebaut werden. Diese Trennung hat mehrere Gründe. Zum einen unterliegen die Mundstücke einem starken Verschleiß; man möchte, wenn man ein neues benötigt, nicht so viel Material verschwenden. Ferner führen Feuchtigkeit und Temperaturschwankungen zu Rissen in dieser Region. Ein kurzes Verbindungsstück zwischen Mundstück und Oberstück kann diesen Einwirkungen besser standhalten. Wenn aber doch Risse entstehen, ist es ökonomischer nur die Birne zu ersetzen und nicht gleich das ganze Oberstück mit den Klappen.
Der wesentliche Grund für die Trennung von Mundstück und Birne ist jedoch die Verwendung von robusteren Materialien wie afrikanisches Hartholz, Elfenbein, Ebenholz oder Grenadill.
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Links:
Klarinette in A
Griesling & Schlott
Berlin um 1810
MIMUL 1486
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Rechts:
Klarinette in B
August Grenser
Dresden zwischen 1785 und 1795
MIMUL 1473
Die typische Bauform um 1800 ist sechsteilig. Wie diese Beispiele von Griesling & Schlott in Berlin oder Grenser in Dresden zeigen, wurde das Unterstück der Klarinette ebenfalls unterteilt. Gründe für diese Trennung liegen abermals in der Ersparnis von Material. Holz von ausreichendem Durchmesser für den ausladenden Schallbecher ist teuer. Es wird viel Material verschwendet, wenn man beide Teile aus einem Werkstück dreht. Zudem findet man heute in den Sammlungen nicht wenige Klarinetten mit durch Stöße oder Stürze beschädigten Bechern. Bei einer zeitgenössischen Reparatur musste nur der Becher ersetzt werden, nicht gleich das gesamte Unterstück mit der teuren Klappenmontage.
 
Als Besonderheit dieser Klarinette fällt ein Doppelloch am Oberstück auf. Es dient, wie die Klappen, der chromatischen Erweiterung der Skala. Wird es mit dem linken Ringfinger ganz verschlossen, erklingt c1/g2; gibt der Ringfinger einen Teil des Doppellochs frei, erklingt cis1/gis2.

Chromatische Töne, die durch zusätzliche Tonlöcher gewonnen werden, bezeichnet man als 'chromatisch offene Töne'. Den Spielern von Holzblasinstrumenten stehen zum Spiel chromatischer Töne daneben aber auch sogenannte Gabelgriffe zur Verfügung. Bei einem Gabelgriff bleibt ein Griffloch zwischen zwei verschlossenen Grifflöchern offen. Der Begriff leitet sich vom Griffbild der Finger ab, weil diese nicht nebeneinander aufgelegt werden, sondern, wie bei einer Gabel, ein Finger zwischen zwei aufliegenden angehoben wird, damit das Griffloch offensteht. Der hierbei entstehende Gabelton zeichnet sich klanglich durch eine höhere Dämpfung und einen größeren Ziehbereich aus.
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Die zwischen 1785 und 1795 gebaute sechsteilige B-Klarinette von August Grenser (1473) aus der Sammlung des MIMUL bietet ein chromatisch offenes Griffloch für cis1/gis2.
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Eine typisch englische Klarinette in B, G. Miller, London, circa 1790, EUCHMI 4679, mit freundlicher Genehmigung des Musikinstrumentenmuseums Edinburgh
Nicht nur in Deutschland und Frankreich ist die fünfklappige Klarinette in sechsteiliger Bauform das Standardmodell um 1800. Auch in England spielte man auf vergleichbaren Instrumenten. Auffällig sind folgende bauliche Kennzeichen englischer Klarinetten:

Die Birne ist eher eine Manschette, in der die Zapfen von Mundstück und Oberstück aufeinandertreffen. Hier unterscheiden sich englische Birnen in ihrer Flaschen- oder Stundenglasform deutlich von den fassförmigen kontinentalen.

Der Ring zwischen Ober- und Herzstück ist gelegentlich aus Holz, meistens jedoch aus Elfenbein; bei früheren Instrumenten beinahe kugelförmig. Meist wurden zur Klappenmontage Achsmarkierungsrillen angebracht und die Klappen waren in der Regel aus massivem Messing geschmiedet. Der Wulst zur Klappenbefestigung am Unterstück ist bei englischen Klarinetten stets glockenförmig, an kontinentalen Klarinetten dagegen eher tropfenförmig. Für eine bessere Bewältigung der Bindung zwischen h1 und cis2 haben beinahe alle englischen Klarinetten einen gekrümmten fis0/cis2-Heber.
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Den geknickten Heber,
der charakteristisch
für britische Klarinetten
ist, nennt man dort
auch 'zic-zac-lever'.
Der Klarinettist Stefan Harg über das Spiel historischer Klarinetten
Video von Stefan Harg
Stockholm 2021
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