Im Rausch der Tiefe
Streitwolf und die Bassklarinette

Bereits in den ersten Harmoniemusiken aus dem 18. Jahrhunderts wurde offensichtlich ein volltönender Bass im Ensemble vermisst: Mozart behalf sich in der 'Gran Partita' mit einem Kontrabass, aber diese Lösung erschien insbesondere in der Freiluft- und Militärmusik unbefriedigend. Nachdem Streitwolf 1820 für Fürst Günther schon ein chromatisches Basshorn entwickelt hatte, stellte er 1828 seine Bassklarinette vor. Um diese Zeit war im Bau von Klarinetteninstrumenten in Basslage ebenso wenig ein Standard entwickelt wie bei den Sopraninstrumenten: Bassklarinetten wurden in Anlehnung an die äußeren Formen von Fagott, Ophikleide, Serpent oder Tabakspfeife gebaut.

Streitwolf brachte in seiner Bassklarinette seine Erfahrungen aus dem Basshorn- und Klarinettenbau zusammen. Sein Instrument hat, wie er selbst schreibt, 'die äußere Form des Basshorns' – mit Flügel, Stiefel, Bassröhre und Stürze. Das Mundstück ist das eines Bassetthorns, welches auf einem S-Bogen sitzt. Die Applikatur des Klappensystems verweist deutlich auf den Müllerschen Klarinettentyp. Aus dem Fagottbau übernimmt Streitwolf Durchsteckkontakte im Stiefel.

1835 erhielt Streitwolf für die Bassklarinette vom Gewerbeverein des Königreichs Hannover die Silberne Preismedaille. Dass die Bassklarinette bald in der Militärmusik eingesetzt wurde, bezeugen nicht nur zeitgenössische Zeitungsberichte. Die von Streitwolf hergestellte Bassklarinette in der Sammlung des MIMUL (1539) trägt den Besitzerstempel eines Infanterieregiments. Mit dem Metallriegel am unteren Ende des Stiefels konnte der Spieler das Instrument zur besseren Handhabbarkeit beim Marschieren an einem Riemen befestigen.
Grifftabelle für die Bass-Klarinette von Johann Gottlieb Streitwolf
Göttingen 1833
Deutsches Museum München
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Bassklarinette
Johann Gottlieb Streitwolf
Göttingen um 1833–1837
MIMUL 1539
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